MacBook Pro 13 (2019): Eindrücke aus Betriebssystemagnostikersicht

warnochfrei

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(Ich beginne mit etwas Tagebuch. Wer zur Sache springen möchte, der möge "H I E R" suchen und dort weiterlesen.)

Vorgeschichte:

Ich wuchs, zählt man nur die Institutionen mit eigener EDV-Ecke (etwa Schulen), in einer Windowswelt auf. Man hatte die Existenz von Apple mir gegenüber einst niemals bezeugt - wirklich populär schien ein anderer Betriebssystemhersteller als Microsoft nach der faktischen Ermordung von OS/2 außerhalb von Behörden nicht zu sein. Im örtlich zuständigen Finanzamt arbeitete man allerdings, wie ich erfuhr, mit Solaris, das selbst zu benutzen für mich damals leider unerschwinglich war. Ich mochte CDE optisch eigentlich ganz gern (das geht mir heute noch nicht anders). Freunde verfügten über Spielkonsolen ebenso wie über Ataris, Amigas oder C64s, einen "Computer" im heutigen Sinn hatte aber nur einer von ihnen; naja, seine Eltern hatten einen. Darauf lief Windows 3.11. Vielleicht wurde ich deshalb so neugierig.

1996:

Ich kaufte meinen ersten eigenen PC, einen Maxi-Tower mit allerlei Brimborium und dem zweitschnellsten Prozessor, den der Prospekt, den ich vorliegen hatte, aufwies: einem Pentium 133. Er - der PC, nicht der Prozessor - war mit Windows 95 und sehr bald auch einigen Spielen (Tomb Raider und Tomb Raider II, Rayman) ausgestattet, war jedoch sehr oft beim Computerfachmann, weil zu meinen Lieblingsspielen das Ausprobieren von Tuningsoftware und der "Eingabeaufforderung" (damals noch COMMAND.COM) gehörte. Auch machte ich schnell meine ersten Erfahrungen mit Schadsoftware mittels einer Shareware-Diskette. Mein Vertrauen in Virenschutzsoftware war damit bereits schon lange zerstört, bevor Fefe sie als "Schlangenöl" in den Volksmund brachte. Alles in allem hat mir der PC aber trotzdem viel Spaß bereitet.

2000:

Nachdem ich meinen ersten PC ausgereizt hatte, besaß ich inzwischen nicht nur eine Website und einen Internetzugang, sondern auch den zweiten PC, einen Pentium III mit 600 MHz. Der ging später leider verloren - den ersten habe ich aber noch. Meine Erfahrungen mit Betriebssystemen verteilten sich jetzt auf mehrere Windowsversionen (wobei ich Windows 2000 tatsächlich niemals genutzt habe), Officepakete und einige Linuxdistributionen. Linux war damals schon sehr merkwürdig, aber die ersten Versionen von KDE waren noch akzeptabel: Sie waren fast wie Windows. Windows behielt allerdings die Oberhand über den PC und Dual-Boot-Systeme oder gar Nur-Linux-Installationen wurden nie wirklich alt.

In Gestalt der (m.E. furchtbar hässlichen) bonbonbunten Plastik-iMacs kam plötzlich auch Apple in meinem Umfeld vor, insbesondere im gestalterischen Kontext. Mein Verständnis für "function follows form" war aber im Jahr 2000 keineswegs größer als heute: Ich sah schulternzuckend den Mausschubsern beim Mausschubsen zu und setzte mich wieder vor meinen Windowsrechner. Der konnte auch alles, was ich wollte, und sah dabei weniger scheiße aus. Zugegeben: Für manche Software bezahlte ich nicht gern, was erneut zu Schadsoftware führte - aber ich lernte daraus. Später trat das nie wieder auf.

2008:

Pünktlich zum Studium kaufte ich meinen ersten Laptop, einen Dell Vostro 1510. Herrje, war das ein Plastikbomber! Aber ich konnte ihn mir leisten und er erfüllte seinen Zweck. Die Entwicklung von Mac OS X hatte ich weiterhin verfolgt, aber während ich das globale Menü am oberen Bildschirmrand durchaus charmant fand, hielt ich das Dock einfach für ein Ärgernis. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich fast 12 Jahre mit einem Startmenü verbracht. Das verdirbt offenbar den Charakter. Unter Linux probierte ich währenddessen weitere Desktopumgebungen aus - aber ich kam immer wieder zu KDE zurück. So viel zu meiner Flexibilität. Der Laptop hielt leider nicht viel aus, um 2011 verabschiedete sich anscheinend seine Festplatte. Was lernen wir? Wer billig kauft, kauft zweimal ...

2010:

In einem Anflug von Habenwollen gönnte ich mir nicht nur meinen ersten eigenen vServer (mit Debian drauf - ich kannte noch nicht viel mehr), sondern auch mein erstes Smartphone. Weil meine Freunde, sofern sie bereits Smartphones hatten, überwiegend Android einsetzten, hielt ich das auch für eine gute Idee. Ich hatte keinen Freund mit einem iPhone zum Ausprobieren, das hat die Entscheidung sehr einfach gemacht.

2012:

Etwa zur gleichen Zeit weigerten sich mein Debianserver und meine Dual-Boot-Installation einer anderen Linuxdistribution auf dem mittlerweile neuen Laptop, nach einem Update wieder sauber hochzufahren. Das hat mich dermaßen verärgert, dass ich nach ausgiebiger Recherche im Web den Server auf FreeBSD umstellte, was sich danach auch nicht mehr geändert hat, und das mit dem Dual Boot fortan unterließ. Ich nutze ja eh am liebsten Windows. FreeBSD ging mir auch erfrischend wenig auf den Wecker. (Dass ich heute lieber zu OpenBSD greife, ist verschiedenen Gründen geschuldet, die hier zu weit führen würden.)

Ich begann auch in einer kleinen Firma zu arbeiten, in der MacBooks die Arbeitsmittel der Wahl waren. So bekam auch ich eines für Büro- und Heimarbeit. Es hatte ein leuchtendes Logo und sehr schnell eine kleine Beule auf dem Aluminiumdeckel. Und das fanden Leute wirklich gut? Das Betriebssystem selbst war akzeptabel, ich richtete diverse Software ein, die seine Ärgernisse deutlich linderten, darunter Alfred und ein paar Programmiertools. Es war ja nur für den Beruf... ich lernte den Umgang mit Mac OS X wohl nie so richtig, aber ich fand mich schnell zurecht. Ein besonderes Interesse daran, mir auch privat mal "einen Mac" anzutun, erwuchs daraus nicht. Warum auch? Ich hatte doch Windows!

2015:

Ich hatte inzwischen ungezählte Betriebssysteme und ungefähr eine Handvoll Android-Smartphones hinter mir, am liebsten arbeitete ich aber nach wie vor unter Windows. Ein einmal gelernter Workflow ist nichts, was man mal eben ersetzen kann, und ich hatte mein Windows-Kung-fu inzwischen nach meinem Dafürhalten perfektioniert, die richtige installierte Software vorausgesetzt. In den Jahren zuvor hatte ich mich eher zufällig zum Dateimanager- und Texteditornerd entwickelt, was das sicherlich begünstigt hat.

Mein Hardwarepool war inzwischen um Konferenzlaptops gewachsen, also solche, deren einziger Zweck es sein sollte, mich auf Konferenzen oder Reisen zu begleiten, um mich das Internet produktiv nutzen zu lassen. Smartphones sind dafür oft nur bedingt geeignet. Weil ich nebenbei Software schrieb, lief auf diesen Laptops grundsätzlich ein unixoides System, darunter OpenBSD und auch mal das eine oder andere Linux. Zuverlässigkeitssieger wurde keiner von ihnen, aber meine Budgetplanung sah auch keine großen Ausgaben für Nebenbeihardware vor. Mein Hauptrechner, nach wie vor ein Windowslaptop, war immerhin jeweils teuer genug.

Mit diesem Hintergrund trat ich 2015 meine heute noch immer aktuelle Stelle im noch immer aktuellen Unternehmen an. Ein Arbeitskollege begann früh davon zu schwärmen, dass seine Applehardware sich harmonisch in sein Windowsumfeld einfüge. Erneut betrachtete ich die damals aktuellen Angebote des Unternehmens und verstand den Vorteil nicht. Aber er ließ nicht locker...

2018:

Google hatte Android inzwischen von einem System der Freiheit schleichend in einen goldenen Käfig umgewandelt, das alle schlechten Eigenschaften von Alltagssmartphones miteinander vereinte: Die Preise wuchsen in unverschämte Höhen, "friss oder stirb" wurde von der Ausnahme zur Regel, der unzureichend geprüften Qualität des Open-Source-Krempels im Play Store war eine auffallende Instabilität häufig genutzter Anwendungen - die oft nicht mal besonders gut miteinander harmonierten - geschuldet. Ich erzählte doch von meinem Arbeitskollegen? Er hatte es geschafft: Auf mein letztes Androidsmartphone, ein OnePlus 5T, folgte ein iPhone. Und ich sag' das ungern: Ich war begeistert. Nur einen Mac wollte ich immer noch nicht haben. Das Dock, das Dock!

2019:

Das Ableben meines letzten funktionierenden Konferenzlaptops - zuletzt mit Gentoo Linux ausgestattet - aufgrund unsachgemäßer Bedienung ließ mich noch mal den Markt sondieren: Ich wollte ein möglichst portables (kleines, akkuleistungsstarkes), zuverlässiges (herstellerunterstütztes, stabil gebautes) Gerät mit einem gut unterstützten unixoiden Betriebssystem (ein Windowsrechner gleichzeitig genügt mir vollkommen), das auf gar keinen Fall Linux ist, zu einem wenn schon nicht niedrigen (damit hatte ich hinreichend schlechte Erfahrungen gemacht), so doch wenigstens angemessenen Preis erwerben und dann wenigstens ein paar Jahre lang meine Ruhe haben.

Aber das Dock, das Dock! ...
 
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warnochfrei

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Jedenfalls zähle ich jetzt nach wochenlangem Studium sämtlicher halbwegs qualitativ akzeptabler Rezensionen in Bild und Ton oder wenigstens Prosatext ein MacBook Pro 13 zu meinem Besitz. Das ist besonders lustig, weil ich damit anscheinend in dem Jahr anfange, in dem sich besonders viele Applekunden der Konkurrenz zuwenden. Gibt es eigentlich das Wort "Antihipster"?

Und damit kommen wir zum eigentlichen Text: Ich hielt es für sinnvoll, meine Eindrücke von dem Gerät als jemand, der nicht "auf einen Mac umsteigt", sondern einfach viel zu viele Systeme gleichzeitig nutzt und jetzt eben auch macOS, einmal zu verschriftlichen. Sollte dies hier das falsche Forum, das falsche Thema oder der falsche Benutzeraccount sein, so bitte ich untertänigst um Vergebung. Ich mach' mal kein Unboxing (weil ich Unboxing lächerlich finde), sondern behandle in gebotener Kürze Hard- und Software.

Zur Hardware:

Das MacBook erfüllt genau die Wünsche, die ich an es hatte: Es ist portabel, zuverlässig und verfügt über "so was wie Unix".
  • Die Touchbar ist ein kleineres Ärgernis als angenommen, aufgrund meiner innigen Verachtung für vi stört mich die Nicht-Escape-Taste nicht mal beim Programmieren. Touch ID mag ich, obwohl mir noch nicht ganz klar ist, warum ich trotzdem beim Aufwecken manchmal mein Passwort eingeben muss und manchmal nicht.
  • Die Tastatur macht langweilige Geräusche und der kaum vorhandene Hub sorgt für zu viele Vertipper. Aber ich arbeite daran. Notfalls habe ich mir sicherheitshalber noch eine Bluetoothtastatur und einen USB-A-auf-USB-C-Adapter zugelegt, um mich bei der Wahl der Eingabemöglichkeiten nicht unnötig einschränken zu lassen. Das Touchpad ist zu meiner größten Überraschung das erste Touchpad sämtlicher von mir jemals genutzten Laptops, das ich nicht als störrisch empfinde. Ich habe bis jetzt noch keine Maus angeschlossen, weder mit noch ohne Kabel. Das klingt gar nicht nach mir! (Aber ich werde das nachholen müssen. edwood macht ohne Maus nur wenig Spaß ...)
  • Ich habe das MacBook in einer weich ausgekleideten Tasche eigentlich immer bei mir. Es wiegt ja fast nichts. Und immer öfter hole ich es spontan heraus. Der Arbeitskollege behauptete, ich würde es sicher schnell mehr nutzen als meinen Windowslaptop, obwohl es weniger kostete. Leider behielt er für den Moment völlig Recht. Es ist eben immer da.
  • Der spiegelnde Bildschirm, bisher für mich eigentlich ein no-go, fällt mir im täglichen Betrieb kaum auf. Nun ist die Sonne gerade nicht so anstrengend wie in anderen Monaten - mal sehen, wie sehr ich im Juli fluchen werde. Und obwohl ich zuvor nie einen Unter-14-Zoll-Laptop benutzt habe, fällt mir die Größe gar nicht negativ auf: Auf höchster Auflösung ist auch sie genau richtig. Ich bin nicht unzufrieden!
  • Der Lautsprecher ist halt da ... ich bin kein Einbaulautsprechermensch, ich bevorzuge meine externe Audiohardware. Und die klingt, angetrieben vom MacBook, genau so wie mit jeder anderen Klangquelle auch. :)
  • Die Akkulaufzeit ist bei normalem Betrieb - ein bisschen Mail, ein bisschen Web, ein bisschen Chat - leider (gefühlt) etwas niedrig. Vielleicht vergeht aber auch nur die Zeit schneller, wenn man einen Mac nutzt. Ich weiß es nicht. Andererseits halte ich mich nie so lange fernab von Steckdosen auf.

Zur Software:


Den weitaus größten Teil der Zeit zwischen Idee und MacBook-Kauf nahm die Sammlung an Software, die ich besorgen musste, in Anspruch. Jedes System, das ich als Arbeitsgerät nutze, hat einen Mindestsatz an Programmen, die ich dort benötige.
  • Erfreulicherweise bringt macOS viel Software bereits mit, die ich sonst mitinstallieren müsste. Selbst für Alfred gibt es mit Spotlight einen für mich mehr als ausreichenden Ersatz. Hätte ich das nur früher gewusst! (Das Dock wollte ich ursprünglich durch uBar ersetzen, aber ich habe es dann doch gelassen. Stattdessen blende ich es einfach standardmäßig aus.)
  • Trotzdem habe ich eine Menge Geld bei diversen Softwareanbietern gelassen. Echte Retter waren und sind TripMode (unterbindet Datenverkehr für bestimmte Programme - ausgezeichnet für Zug-WLAN) und ForkLift. Den Finder mag ich einfach nicht - er kann vieles, aber vieles eben auch nicht.
  • Die sichtbarste Neuerung von macOS, den "Dark Mode", habe ich nicht aktiviert und das werde ich auch nicht ändern. Ansonsten finde ich Catalina durchaus gelungen, es war ungefähr die dritte Software, die ich installiert habe.
  • Die Tastenkürzel auf dem ungewohnten Layout gewöhnt man sich viel zu schnell an: Nach zwei Tagen mit dem MacBook hatte ich unter Windows plötzlich Probleme, ohne Nachdenken ein "@" einzugeben. Hoppla!
  • Das Zusammenspiel mit einem iPhone ist sicherlich bemerkenswert gut: Das MacBook kam in alle WLANs rein, in denen ich mich aufhielt, ohne dass ich etwas konfigurieren musste. Ungewohnt! Um so erstaunlicher, dass ich ausgerechnet iMessage separat konfigurieren musste. Wahrscheinlich hat das Sicherheitsgründe.
  • Parallels Desktop ist die großartigste Virtualisierungssoftware, die ich jemals gesehen habe (und ich habe inzwischen wahrscheinlich die meisten bereits gesehen). Vor allem der Coherence Mode, wenngleich er bei überzeugten Macianern vor allem zu Stirnrunzeln führt, gefällt mir. So etwas hätte ich auch gern unter Windows. Der Linuxmodus von Windows 10 funktioniert nicht so transparent.
  • Die Gestensteuerung nervt. Das kann man zwar konfigurieren, aber die voreingestellten Gesten sind nichts für Mausfreunde und Tastaturcowboys. Bis ich die voreingestellte Launchpadgeste halbwegs fehlerfrei beherrsche, wird es wohl noch sehr, sehr lange dauern.
Fazit:

Ich hatte schon deutlich schlechtere Ideen. :)
 
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Verdeboreale

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Das meiste kann ich unterschreiben. Vor allem, dass auch ich keine Maus mehr benutze. Das war bei allem, was kein MacBook war, bisher undenkbar. Danke für Deinen ausführlichen Bericht.
 
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