Fachbücher Frederic Beigbeder „39,90“ – Was Werber sich spät Nachts erzählen

Dieses Thema im Forum "MacUser Technik Bar" wurde erstellt von sevY, 24.09.2003.

  1. sevY

    sevY Thread Starter Gast

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    Eines vorweg: Was sich zwischen diesen Buchdeckeln befindet, ist keine Literatur. Glaubt niemandem, der euch erzählt, diese Buch sei so gut wie "American Psycho" oder auch nur so gut wie "Elementarteilchen". Wer dieses Buch kauft, nimmt Teil an einem Medienereignis.
    Frederic Beigbeder ist ein cleverer, umtriebiger junger Mann, der das Spiel mit und in den Medien bestens beherrscht. Die Art und Weise, in der Beigbeder "39,90" als Skandal inszeniert und als Bestseller positioniert hat, ist bewunderungswürdig.
    Hier noch einmal das notwendigste an Vorwissen: Beigbeder hat 10 Jahre lang als Topwerber gearbeitet. Gegen Ende dieser Tätigkeit fing er an, dieses Buch zu schreiben. Es geht um einen Topwerber, der, angeekelt von seiner Branche, mit einem Enthüllungsbuch seinen Rauswurf provozieren will. Was Frederic Beigbeder dann auch gelang. Seinen Helden hingegen entlässt er nicht, er lässt ihn ins Gefängnis werfen und einen metaphorischen Tod sterben. In das Gefängnis kommt der Held, weil er an einem Mord beteilig war. An einem Mord war er beteiligt, weil er viel zu viele Drogen nimmt, weil er jeglichen Kontakt zur Realität verloren hat, weil er von seinen Freundinnen verlassen worden ist.
    Diese Rudimente einer Geschichte und eines Charakters spielen im Buch aber eine untergeordnete Rolle. Der Großteil des Textes geht drauf für langatmige Tiraden über die Werbung, die Warenförmigkeit der Welt, die Künstlichkeit der Bedürfnisse und dergleichen mehr. Ein weiteres Teil besteht aus Dialogen und Karikaturen aus der Welt der Agenturen.
    Dieses Element, dieser Report aus der Arbeitswelt, könnte eigentlich ganz interessant sein. Leider ist Beigbeder aber nicht daran interessiert, die Realität des Alltags in einer großen Agentur wiederzugeben. Er will die Branche an den Pranger stellen. Die Szenen aus der Agentur sind samt und sonders von ausgeprägter Schwachsinnigkeit, von herbem Zynismus, von nichtssagender Geschwätzigkeit, von Feigheit und Verachtung geprägt. Was in aller Tendenziösität auch zu lustigen Ergebnissen hätte führen können, wenn der Erzähler dies nicht auch noch permanent entsprechend ankündigen und kommentieren würde.
    E s hilft nichts: Frederic Beigbeder hat ein Pamphlet geschrieben, ein langes, kunstvoll in Szene gesetztes zwar, aber ein Pamphlet.Den Job nun erledigt er mit Bravour und erforderlicher Eindringlichkeit. Brillianz allerdings lässt sich "Neununddreissig neunzig" auch in dieser Hinsicht nicht attestieren. Dazu wäre ein klarer Standpunkt erforderlich gewesen, von dem aus der Text argumentiert, etwa eine dezidierte Kapitalismuskritik.
    Allein, Beigbeder ist kein politischer Denker. Er ist ein Szenegänger, ein Medienmensch, der sich sein Unwohlsein gegenüber seiner Welt wortgewaltig von der Seele geschrieben hat. Und dieses Unwohlsein dann gleich auf die ganze Welt ausdehnt.
    Man wird das Gefühl nicht los, dies sei, was Werber sich gegenseitig erzählen, wenn die Nacht fast vorüber und sie selbst fast hinüber sind. "Wir durchschauen alles!" schreit dieser Text. Auch einer der Gründe, warum dieses Buch bei den Medien so beliebt ist.
    Burckhard Christians

    Ich habe es gelesen und zu meinem absoluten Liebelingsbüchern gestellt.


    Liebe Grüße Coffeemaker
     
  2. biblio

    biblio MacUser Mitglied

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    Wir sind alle werbegeschädigt...

    Sehr beängstigend fand ich die letzten Seiten. Ohne Punkt und Komma, alles Großgeschriebn, wird ein Werbeslogan und die Marke über mind. 2 Seiten hintereinander weggeschrieben.

    Ich fühlte mich ertappt, denn 90 % aller Sprüche kenne ich - wie man durch Werbung infiltriert wird ist mir noch nie so deutlich gemacht worden...

    Ansonsten findet sich im Archiv auch ein guter Thread zum Thema Werbung in Englisch.

    In diesem Sinne: we kehr for you (die Berliner dürftens kennen)
     
  3. dylan

    dylan MacUser Mitglied

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    Wie auch schon in diesem Fred erwähnt (klick mich!), vielleicht noch mal kurz meine Lieblingszitate aus dem Buch:

    "In meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht".

    Und mein Favorit (und Gott-gläubige Menschen mögen jetzt bitte weghören):

    "Bei all dem, was die Menschen für ihn getan haben, hätte sich Gott wenigstens die Mühe machen können zu existieren."

    Dylan
     
  4. El Commodore

    El Commodore MacUser Mitglied

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    Die Geister haben sich über dieses Buch ja schon häufig geschieden. In den meisten Fällen waren es allerdings alles Werbegeister.

    Daher würde mich interessieren, wer von den hier anwesenden sich denn selbst der Werbeszene (im weitesten Sinne) zugehörig fühlt. Das würde den ein oder anderen Kommentar doch möglicherweise nochmal in ein ganz anderes Licht setzen.

    Dem kritischen Kommentar von Burckhard Christians bleibt für mich nur hinzuzufügen, dass wenn die Nacht und die darin befindlichen Menschen fast hinüber sind, auch Juristen, Taxifahrer u.v.m. schreien:

    "Wir durchschauen alles!"

    el Commodore
     
  5. awimundur

    awimundur MacUser Mitglied

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    Die größte Wahrheit über die Werbung hat noch immer Christian Kracht
    in seinem monumentalen 120-Seiten-Generationen-Handbuch "Faserland"
    beschrieben:

    "Als ich aus dem Odin (Bar auf Sylt) herauslaufe, sehe ich einen jungen Mann der auf seinen türkisfarbenen Porsche mit Düsseldorfer Kennzeichen kotzt. Aha, ein Werber, denke ich. Das muss man sich mal vorstellen: ein türkisfarbener Porsche."

    Das Zitat entspricht nicht 100% dem Original, da ich das Buch gerade nicht
    vorliegen habe.

    Ich bin übrigens Werbetexter und Konzeptioner.
     
  6. abgemeldeter Benutzer

    abgemeldeter Benutzer Thread Starter Gast

    Ich mag die Wahrheiten von Christian Kracht nicht, es sind nicht meine. Bin aber auch kein Werbemensch, lebe nur vom Geld der Werbekunden :D
    @awimundur
    Zitat müsste stimmen.
     
  7. awimundur

    awimundur MacUser Mitglied

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    Natürlich kann über den großzügig in der Öffentlichkeit ausgelebten Dandyismus des Herrn Kracht kontrovers diskutiert werden.
    Dennoch hat kaum jemand so treffsicher, knochentrocken und zynisch
    die gerechtfertigte Verachtung gegenüber einer gewissen Berufsgruppe
    zum Ausdruck gebracht.

    Ich mag ja auch Werber sein, aber es ist wohl wahr, dass in kaum
    einer anderen Branche mehr egozentrische Taugenichtse vorzufinden sind,
    die es tatsächlich schaffen, eine veritable Karriere hinzulegen. Ganz ohne
    Talent, Stil oder soziale Kompetenz.
     
  8. dylan

    dylan MacUser Mitglied

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    Christian Kracht... hm... Christian Kracht...

    Ach ja: 1979!

    Welch dekadentes Werk! Aber ist nicht die ganze Werbebranche dekadent (oder will sie es nicht zumindest sein?)

    Soweit ich weiß übrigens ein guter Freund von Benjamin v. Stuckrad-Barre, der wohl auch genannt werden muss, wenn das Wort "Dandyismus" fällt...


    Dylan
     
  9. awimundur

    awimundur MacUser Mitglied

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    Ich halte 1979 für ein brillantes Buch. Allein schon die Tatsache, dass ein Großteil der Handlung in Ländern spielt, die für Unterdrückung, Staatsterror und mafiöse Maßlosigkeit stehen und überdies für jeden Besucher sehr
    gefährlich sein können, entspricht dem Wesen eines wahren Dandys.
    Er feiert stilvoll an fiesen Orten, um später die vollkomme Entsagung
    zu erleben (als er in Nepal sinnlos um einen Berg wandert und schließlich
    in chinesische Gefangenschaft gerät).

    Was mir besonders gefällt ist Krachts charmante Art, banalste Alltagssituationen weltmännisch zu umschreiben, nur um später
    das ein oder andere Detail in einer vollkommen skurillen Situation
    wieder aufnehmen zu können.

    Und natürlich der Hang zum Absurden: Allein das Ende in China, als sein
    Held seinen eigenen Kot zur Gewinnung von wertvollen Einweißen verwendet, um überleben zu können. Grandios!

    Die Straflektionen, die Krachts Dandy-Held von Seiten des chinesischen
    Militär zuteil werden und dessen Reaktionen auf diese seelische Folter,
    erinnerten mich irgendwie an "American Psycho" ("Was ich auch tue,
    es gibt keine Katharsis) oder auch an die letzte Szene in "1984".
     
  10. dylan

    dylan MacUser Mitglied

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    Oh ja! Auf jeden Fall lesenswert! Schade nur, dass es so kurz ist.
     

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